Läufer-Interview mit Peter7Lustig

Geschrieben am Montag, 1. März 2010 von Heiko

Nun das nächste Interview in der Reihe: Läufer Interviews. Heute stand Jan (Peter7Lustig) mir Rede und Antwort.
Wer auch Lust und Interesse hat, von mir befragt zu werden, darf gern Kontakt aufnehmen oder dies in den Kommentaren hinterlassen. Eine kleine Vorinformation über Eure Person und/oder Hinweise zur Eurer Website oder eurem Blog, wenn vorhanden, sind hilfreich.

1. Hallo Jan, wie verrückt muss man sein, um bei einer Aktion wie 16 Bundesländer – 16 Marathons – 16 Monate teilzunehmen?
Ziemlich verrückt! Es ist nämlich eine langwierige Sache, man muss für über ein Jahr planen und – vorausgesetzt alles klappt wie vorgesehen – werden ziemlich viel Zeit,
Geld, Nerven, Urlaub, Benzin und Kalorien verbraucht. Normale Leute würden mit der Zeit und dem Geld einfach in den Urlaub fahren, aber Läufer sind halt keine normalen Leute. Bei mir kommt noch hinzu, dass ich kein Läufer mit jahrelanger Marathon- oder sogar Ultra-Erfahrung bin, sondern erst im letzten Jahr mein Marathon-Debüt gegeben hab. Der zweite war dann direkt der erste für die 16 Bundesländer -16 Marathons – 16 Monate Aktion.

2. Was bringt Dir diese Aktion persönlich und was erwartest Du sportlich und menschlich davon?
Mal angenommen, ich schaffe diese Aktion tatsächlich, wird es natürlich ein sportlicher Meilenstein für mich werden. Es ist noch gar nicht so lange her, da war ein Marathon für mich unvorstellbar und jetzt laufe ich eventuell 16 Stück in gut einem Jahr. Menschlich hoffe ich, dass ich interessante Leute quer durch die Republik kennen lerne und ich werde Deutschland ziemlich genau erkunden, in manche Bundesländer kommt man sonst seltener. Deine Heimat Senftenberg hätte ich ohne Marathon sicher nicht kennen gelernt. Ich werde auf jeden Fall versuchen, mehr zu sehen als das Schienennetz und die Autobahnen in Deutschland. Die Planung macht mir ehrlich gesagt sogar Spaß, obwohl ich sonst gar kein langfristig planender Mensch bin.

3. Wann kamst Du zum Laufen und was waren Deine Motivation oder die Gründe dafür, dass Du mit dem Laufen angefangen hast?
Meine ersten freiwilligen Lauferfahrungen hab ich während meiner Zivildienstzeit gesammelt. Davor war das Laufen im Sportunterricht immer verhasst, aber irgendwie wollte ich mich zu der Zeit sportlich betätigen, weil ich einfach zu wenig für meine Gesundheit tat. Im Nachhinein lustig zu sehen, wie man anfangs nach 2-5 km im Schneckentempo kaputt, aber stolz wieder zurückkam. Während des Studiums bin ich zu einer Laufgruppe vom Unisport gegangen, eine sehr gute Entscheidung damals. Unter Anleitung eines Trainers und mit zwei festen Terminen in der Woche ging es schneller bergauf in Sachen Fitness und Spaß am Laufen. Leider gab es auch in der Zeit zwei längere Unterbrechungen und am Ende des Studiums sogar eine lange Laufpause von über drei Jahren.

4. Gibt es für Dich offensichtliche Veränderungen im Leben und in derLebenseinstellung seitdem Du läufst?
Im September 2007 bin ich wieder nach einer über dreijährigen Pause angefangen zu laufen, da hatte ich knapp 95 kg auf den Rippen. Jetzt schwanke ich um die 77 kg, da gab es also schon eine offensichtliche Veränderung. Weniger offensichtlich ist die Veränderung im Kopf, ich bin ausgeglichener und komme besser mit mir klar. Sport ist ein guter Weg, sich selbst kennenzulernen.

5. Die Aktion 16 Bundesländer – 16 Marathons – 16 Monate ist schon ein kleiner Grenzgang, aber an welchem Punkt würdest Du sagen: Bis hierher und keinen Schritt weiter?
Zum einen gibt es da den gesundheitlichen Aspekt. Wenn man nur noch unter Schmerzen läuft, sollte man es sein lassen. Man ist dann auch kein tougher Kerl mehr, der sich durchbeißen kann, sondern nur noch ein Idiot. Zum Glück bin ich momentan völlig beschwerdefrei. Zum anderen gibt es die soziale Seite, wenn nämlich Freunde und Familie genau den erwähnten Satz sagen würden: “Bis hierhin und keinen Schritt weiter”, weil man Kontakte verliert, Menschen hintenanstellt und sein Wesen verändert. Ich hoffe, ich werde das im Sommer unter einen Hut kriegen.

6. Was denkst Du über Menschen, die 70 und mehr Marathons im Jahr laufen und kannst Du Dir vorstellen, selbst eine solche Leistung zu vollbringen?

Nein, das kann ich mir (noch) nicht vorstellen. Ich bin weit davon entfernt, jedes Wochenende einen Marathon oder sogar mehr laufen zu können. Ich brauche immer ein paar Tage Pause zum Regenerieren und ich versuche auch die einzelnen Läufe so gut es geht, übers Jahr zu verteilen. In meiner vorläufigen Planung habe ich zweimal einen Zwei-Wochen-Rhythmus, ansonsten liegen zwischen den Marathons drei Wochen und mehr. Aber es ist schon beeindruckend, solche Vielstarter zu sehen; auch mental ist das ein anderes Level. Wir beide konnten das ja zuletzt beim Hallenmarathon in Senftenberg sehen, als einige der Starter samstags abends und sonntags morgens Marathon gelaufen sind.

7. Was treibt Deiner Meinung nach Menschen dazu, immer weiter und mehr zu laufen? Fehlen eventuell die Herausforderungen im Alltag und könnte dann versucht werden, diese durch sportliche Höchstleistungen zu kompensieren?
Grundsätzlich ist es eine sehr positive menschliche Eigenschaft, dass man versucht, immer neue Grenzen zu überschreiten und Herausforderungen zu meistern. Körperlich fehlen den meisten Leuten wahrscheinlich tatsächlich die Aufgaben, der Büromensch spürt sich in seinem physischen Rahmen kaum noch. Wann das Laufen aber zur Kompensation oder zum vielzitierten ‘Davonlaufen’ wird, kann man nicht allgemein sagen und muss jeder mit sich selbst ausmachen.

8. Wie motivierst Du Dich zum Laufen, wenn es mal nicht so gut läuft?
Zum Glück muss ich mich gar nicht motivieren! Wenn man einmal drin ist und sich ans Laufen gewöhnt hat, dann gehört das Laufen einfach zum alltäglichen Leben. Man denkt nicht mehr drüber nach, die Kämpfe mit dem ISH verschwinden und man schnürt sich ohne Nachzudenken die Laufschuhe. Und wenn ich laufe gibt es auch keine Zeiten, in denen es mal nicht so gut läuft. Anders sieht es natürlich aus, wenn man aus einer monatelangen oder sogar jahrelangen Laufpause wieder anfangen will, da gibt es etliche Hürden zu nehmen. Mir hilft grundsätzlich das Laufen mit anderen, ich habe mindestens einmal die Woche eine feste Zeit, zu der ich zu einer Laufgruppe gehe. Laufgruppen oder feste Termine mit Sportsfreunden kann ich nur empfehlen, da kommt man weniger in Versuchung seine Läufe zu verschieben, nur weil es mal anfängt zu nieseln.

9. Gab oder gibt es für Dich läuferische Vorbilder, wer sind diese und warum?
Nein, läuferische Vorbilder hab ich keine. Da ich auch nicht aus einem Vereins- bzw. Wettkampfbetonten Umfeld komme, sondern eher einfach für mich und meine Gesundheit angefangen habe zu laufen, gibt es keine Sportler und keine Zeiten, denen ich nachlaufe.

10. Wenn Du Menschen vom Laufen überzeugen wollen würdest, wie würdest Du es anstellen? Was sind Deine Motivationstipps? Konntest Du eventuell sogar schon Menschen vom Laufen überzeugen?

Es ist schwer, Menschen direkt zum Laufen zu bringen, die Motivation muss immer aus der Person selber kommen. Man kann nur versuchen, das möglichst subtil zu unterstützen. Da hilft es eher, wenn man von eigenen positiven Erlebnissen berichtet (ohne zu langweilen), als jemanden direkt anzusprechen “Lauf doch mal!”. Bis jetzt hab ich es aber sowieso noch nicht wirklich probiert, jemanden zum Laufen zu bringen. Erstaunlicherweise läuft eine Ex-Freundin, die früher nur mit dem Kopf geschüttelt hat, mittlerweile ausdauernd und gerne, vielleicht sogar bald Marathon. Schade, dass sie nicht schon damals lief.

11. Früher haben sich Läufer in Lauftreffs und bei Wettkämpfen getroffen und kennen gelernt. Mittlerweile geschieht sehr viel über das Internet – dank Blogs,
Facebook, Twitter usw… Wie viele soziale Netzwerke brauchen wir wirklich und was bringt es im allgemeinen für Läufer?

Wie viel vernetzte Läuferidentität man braucht, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich persönlich bin sehr technik- und internetaffin und nutze fast alles. Im Internetzeitalter ist es einfach großartig, dass man die Möglichkeiten hat, man muss sie nicht permanent nutzen. Ich würde an dieser schönen Aktion hier nicht teilnehmen, wenn ich nicht über deinen Blog und Twitter davon gehört hätte. Lauftreffs und Wettkämpfe haben wir weiterhin auch, aber noch viel mehr Optionen uns über unser Hobby auszutauschen und Läufer über Grenzen hinweg kennen zu lernen. Ich bin in Communities wie Twitter, Runnersworld Forum, Achim-Achilles, Nike+ aktiv und habe sogar bei Wettkämpfen dadurch schon Leute getroffen, mit denen man sonst nicht in Kontakt gekommen wäre. Das finde ich toll.

12. Gibt es einen Punkt oder eine Situation beim Marathon, vor der Du Angst oder Respekt hast? Gab es schon Begegnungen mit dem “Hammer-Mann”?
Meine schlimmste Erfahrung bis jetzt war der Untertagemarathon in Sondershausen. Da gilt es die 42 km 700m unter der Erde durch Stollen bei 25-28°C zu laufen auf einer Strecke mit über 1200 Höhenmetern. Ich war schlecht vorbereitet, zu wenig Schlaf, zu wenig Kohlenhydrate in den Tagen zuvor, nicht ausreichend getrunken vorm Start, es kam alles zusammen. Die erste Hälfte lief noch nach Plan, danach bin ich so so schnell eingebrochen, unglaublich. Mein Zwerchfell verkrampfte, ich konnte nur noch flach atmen, hatte keine Kraft mehr. Von den letzten acht Kilometern bin ich das meiste gegangen, aber irgendwie hab ich die Ziellinie taumelnd überquert. Das hat mich immerhin gelehrt, niemals einen Marathon zu unterschätzen, nur weil man schon ein paar gute Läufe hatte. Ohne Vorbereitung geht nichts und da meine ich nicht in erster Linie die offensichtliche, sportliche Vorbereitung, sondern Themen wie Ernährung oder Erholung. Ich kann nur den Läuferspruch zitieren: Marathons werden auch mit Erfahrung nicht kürzer.

13. Wie sieht Dein Training aus, um mehrere Marathons in kürzester Zeit zu bewältigen? Trainierst Du nach Trainingsplan oder mehr frei nach Lust und Laune?
Nach Trainingsplan mache ich jetzt während der Aktion natürlich nichts mehr, da gibt es einfach keinen geeigneten Plan. Bei meinen ersten beiden Marathonvorbereitungen habe ich mich schon an Plänen orientiert, aber jetzt versuche ich nur noch regelmäßig zu laufen, ausreichend Kilometer zu machen und mich auf einem Level zu halten. Wenn ich im Sommer oft im Drei-Wochen-Rhythmus laufe, kann man sich nicht weiterentwickeln, wenn man eine Woche Regeneration nach und eine Woche Tapering vor dem Marathon einrechnet.

14. Vielen Dank für Deine Antworten, was sind Deine nächsten Ziele für 2010…?
Natürlich ist das große Ziel für 2010 diese verrückte Aktion, die du dir ausgedacht hast, durchzuhalten und beenden! Ein Traum, der noch in meinem Hinterkopf ist: Vielleicht bis Berlin Ende September so schnell zu werden, dass ich mich für Bosten qualifizien könnte… Außerdem könnte ich mir vorstellen, mich mit dem Corsica Coast Race zu belohnen, falls ich die 16 wirklich schaffe.

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1 Kommentar to “Läufer-Interview mit Peter7Lustig”

  1. [...] Damit ist der Februar auch schon wieder Geschichte und 16 Bundesländer – 16 Marathons – 16 Monate hat mittlerweile 5 Monate geschafft. Leider ist es mit der Resonanz etwas eingeschlafen, was natürlich auch an der Marathon untypischen Jahreszeit liegen kann. An der Spitze zeichnet sich ein Kopf-an-Kopf rennen ab, zwischen Peter7Lustig (6 Marathons) und Michael Kiene (6 Marathons) auf der haben Seite hat. Mit Peter7Lustig habe ich auch ein Interview geführt – Läufer Interviews: Peter7Lustig. [...]

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