Interview mit den Runningfreaks
Von Heiko | 22. Februar 2010 | Kategorie: Interviews | 6 Kommentare TweetAls nächstes möchte ich die Gelegenheit nutzen, um das Läuferpaar Melanie und Steffen vorzustellen. Beide sind im Internet unter runningfreaks.de zu finden und zu erleben.
1. Hallo Melanie und Steffen, kurz zu Eurer Vorstellung: Wer seid Ihr? Was macht Ihr?…
Jo, ich fange dann halt mal an. Ich bin der Steffen, 40 Jahre alt, als Informationsverarbeitungstechniker in der Datenverarbeitung eines Pharmaunternehmens in Familienbesitz tätig und meine Passion ist das Laufen. Außerdem bin ich noch im Vorstand und im Herrenkomitee unseres Karnevalsvereins, also ein Vollblutfastnachter.
Mein Schatz Melanie, mit der ich das unwahrscheinliches Glück habe seit über 11 Jahren sehr glücklich verheiratet zu sein, ist 38 Jahre alt und hat einen sehr stressigen Job in einer Radiologischen Gemeinschaftspraxis in Mainz. Auch sie ist narrisch und dem entsprechend im Damenkomitee des gleichen Vereines.
Außerdem schauen wir uns sehr gerne Horrorfilme in unserem Homecinema an, lieben die Musik und lesen auch sehr gerne einmal ein gutes Buch.

Darmstadt Marathon 2009
2. Solange seid Ihr zwei beiden auch noch nicht als ambitionierte Läufer dabei. Welche Gründe gab es für Euch, mit dem intensiveren Laufen zu beginnen und was sorgte dafür, dass Ihr auch dabei geblieben seid?
Gründe mit dem intensiven Laufen zu beginnen, schwierig zu Beantworten. Also einmal die Woche für etwa 1 Stunde Laufen und einmal die Woche Krafttraining machen wir eigentlich schon seit ungefähr 9 Jahren, das ist etwa so lange wie wir nicht mehr rauchen. Durch mein Abendstudium war das allerdings zum Ende hin leider aus Zeitgründen nicht mehr so möglich, sodass ich etwa ein Jahr gar nichts mehr gemacht habe. Das war von Sommer 2006 bis Sommer 2007. Doch, eines habe ich da gemacht, mich nämlich von 73 Kg auf 82 Kg hochgefuttert.
Als der Abschluss dann endlich geschafft war, das war im Juni 2007, stelle sich die Frage, wie man das wieder los werden könnte, denn wohlgefühlt habe ich mich so überhaupt nicht. Gut, von einem mal Laufen und einem mal Krafttraining in der Woche würde da auch nicht viel passieren, also haben wir uns dazu entschieden 2 – 3 mal in der Woche laufen, damals nannten wir das noch joggen, zu gehen. Doch mir war schnell klar, ohne langfristiges Ziel hören wir damit ganz schnell wieder auf. Da habe ich meinen Schatz gefragt, welche Ideen sie denn so hätte und da sagte sie: “Lass uns einen Marathon laufen”! Und so haben wir es dann auch gemacht.
Ein Trainingsplan wurde erstellt und so debütierten wir gemeinsam im Mai 2008 beim Gutenberg Marathon in Mainz mit einer Zeit von 4:28, und zwar ohne Schmerzen und mit einem breiten Lachen im Gesicht. Wir fragten uns dann: “Und nun, was machen wir nun? So hart war das doch jetzt gar nicht, war das schon alles“? Also steckten wir uns neue Ziele. Es folgte mein Ultramarathondebüt im August 2008 in Leipzig und mein zweiter Marathon in Darmstadt einen Monat später. Die Ziele waren da jeweils anders, in Leipzig war es einzig das Finishen, in Darmstadt eine neue Persönliche Bestzeit aufzustellen. Und so ging das dann 2009 munter weiter.
Mittlerweile habe ich 7 Marathons, 5 Ultras über 50 Km, einen 6-Stundenlauf über knapp 70 Km und sogar einen 100er auf meinem Konto. Auch Melanie ist mit 6 Marathons und einem 50er gut dabei. Warum wir dabei geblieben sind? Weil es so verdammt viel Spaß macht, man viel sieht und wahnsinnig viele nette Menschen dadurch kennen lernen darf.
3. Was hat sich in Eurem Leben, außer der Fitness, verändert seitdem Ihr lauft? Würdet Ihr die These bestätigen, dass Laufen ruhiger und ausgeglichener macht?
Erst einmal zu einem großen Teil der Freundeskreis, denn für so manchen sind wir einfach nur verrückt und bekommen auch recht wenig Verständnis für unsere Leidenschaft entgegen gebracht. Da hat sich einiges in Richtung Läufer hin verschoben, ist ja auch irgendwo völlig normal, wie ich denke. Sehr viele Menschen haben aber auch inzwischen Respekt für die von uns erbrachten Leistungen und bewundern uns sogar ob der von uns an den Tag gelegten Disziplin und unserem Durchhaltevermögen. Einige Staunen über unseren sehr guten Gesundheitszustand, kennen sie uns doch noch aus früheren Zeiten mit all unseren Wehwehchen.
Ob Laufen ruhiger und ausgeglichener macht? Absolut, und nicht nur das. Es macht einen selbst viel zufriedener, dankbarer, wertschätzender, man läuft buchstäblich mit ganz anderen und viel offeneren Augen durch die Gegend, sieht vieles ganz anders, genießt mehr und kann sich auch an den winzigsten Kleinigkeiten hoch erfreuen. Man nimmt die Welt zuweilen auf einer ganz anderen Ebene wahr, viel intensiver, viel wacher.
Auch sich selbst lernt man ganz neu kennen. Man lernt sogar, wie ich es immer so gerne ausdrücke, eine komplett neue Sprache, nämlich die seines Körpers. Und der hat eine Menge zu erzählen, ständig, man konnte ihn früher nur nicht recht verstehen. Heute weiß ich viel mehr über mich als noch vor 3 Jahren. Ich weiß zu welchen Leistungen ich in der Lage bin, was mein Körper braucht, kenne aber auch seine Warnsignale und reagiere entsprechend auf sie. Das ich meinen Organismus gelernt habe zu verstehen dankt er mir dann mit Verletzungsfreiheit und immer wieder fantastisch gemeisterten Herausforderungen. Das war aber ein langer Prozess und ist erst nach und nach passiert, natürlich auch mit dem einen oder anderen Fehler. Doch aus diesen habe ich gelernt und das ist das Wichtigste. Und die Sprache umfasst z.B. Ernährung, korrekte Belastung, benötigte Regeneration, Trainingsplananpassung, nur um einige einmal zu nennen.

Erster Marathon - Gutenbergmarathon 2008
4. Laufmuffel klagen gerne darüber, dass sie keine Zeit hätten, sich sportlich zu betätigen. Gründe sind sehr schnell gefunden. Wie schaffst Ihr es, das Laufen in den Alltag zu integrieren, ohne dabei Stress zu erleiden? Ist es manchmal nicht auch sinnvoll, mal eine Trainingseinheit ausfallen zu lassen?
Wir haben das Pech ungewollt kinderlos zu sein, das heißt viele Verpflichtungen, wie sie Gleichaltrige haben, fallen bei uns dadurch weg. Ich denke das ist, was das Laufen betrifft, ein Vorteil. Zumindest versetzt es uns in die glückliche Lage, etwa 70 % aller Läufe gemeinsam bestreiten zu können, die sonst wohl eher zeitversetzt stattfinden müssten. Aber ganz grundsätzlich bin ich der Meinung das jeder, ausnahmslos jeder Zeit zum Laufen hat. Man muss ja nicht wie wir zwischen 70 und 100 Km in der Woche laufen, aber ich denke 2 – 3 Stunden und somit etwa 20 – 30 Km ist wirklich für jeden machbar und würde vom Trainingsumfang immerhin für einen Halbmarathon reichen.
Ich sage es einmal so, in der Zeit, in der andere Fernsehen, laufen wir, wenn viele glauben sich nach der Arbeit erst einmal eine Stunde auf die Couch legen zu müssen, ja auch da laufen wir. Rechnet das mal auf 5 Arbeitstage hoch sind das schon über 5 Stunden, reicht doch, oder? Und dann gibt es ja noch ganz andere Möglichkeiten, man kann ja auch zur Arbeit laufen, oder von der Arbeit nach Hause laufen, ach es gibt so viele Möglichkeiten. Ich denke es liegt einfach am Willen und an der Gewohnheit. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier mit zuweilen schwachem Willen.
Klar lassen wir auch einmal eine Einheit ausfallen oder wir stellen das Training sogar während des Trainings selbst kurzerhand um. Zu Beginn unseres Laufens haben wir streng nach Plan trainiert, heute gibt es nur noch ein grobes Gerüst und was gemacht wird entscheidet dann oftmals unsere jeweilige Verfassung. Und wenn es einmal nicht geht wird es eben einfach auf morgen verschoben. Wir sehen das nicht mehr so eng wie noch vor zwei Jahren. Einzig die grundsätzlichen Trainingsprinzipien werden nach wie vor eingehalten.
5. Ich gewinne oft den Eindruck, dass Menschen sich und Ihren Körper überfordern, weil sie neben der Arbeit auch die Familie und Haus, Hof und Garten versorgen müssen, Sport muss auch noch sein und eine gesunde Ernährung ist Pflicht. Oft erscheint es wie ein Zwang und es ist fraglich, ob dies der Weg zur Zufriedenheit sein kann. Wie geht Ihr mit diesem Leistungsdruck, immer den “Mann” oder die “Frau” stehen zu müssen, um?
Leistungsdruck? Nein, den lassen wir erst gar nicht aufkommen. Wem sollen wir denn was beweisen? Niemandem außer uns selbst. Wir haben auch Verpflichtungen und Haus und Hof fordern auch ihren Teil, doch sagen wir auch oft genug: “Na und, dann bleibt es eben liegen und wird erst später erledigt”. Von diesem Zwang des Funktionierens haben wir uns weitestgehend loslösen können und das ist auch gut so. Klar, viele Dinge müssen gemacht werden, doch wenn man die gut plant ist das normalerweise auch stressfrei zu bewerkstelligen.
Und Sport, also das Laufen, MUSS nicht sein, es DARF sein, es ist ein Geschenk, wir brauche es, es ist unser Lebenselixier, so wichtig wie unser täglich Brot und Wasser, so selbstverständlich wie das Aufstehen, die Morgentoilette, das Frühstück usw. Bewegen wir uns einen Tag nicht geht das noch, gerade so, am zweiten ist es dann aber auch schon zu viel, da müssen wir raus, uns bewegen, an die frische Luft.
Nein, Laufen ist ein Darf und absolutes Vergnügen, keine Pflicht und kein Zwang. Es ist Balsam für Körper, Geist und Seele. Wenn es Pflicht wäre würden wir sofort damit aufhören.
6. Im Internet seid Ihr aktiv mit Eurer Website runningfreaks.de. Habt Ihr durch Eure Aktivitäten schon neue Laufbekanntschaften schließen können und wie wichtig ist Euch die Vernetzung im Internet?
Oh ja, sowohl virtuell als auch in der Realität. Und die sind alle samt sehr positiv. Manchmal haben wir das Gefühl wir Läufer sind alle eine riesige Familie. Es gibt auch sehr viele Läufer, die wir unbedingt noch persönlich kennen lernen möchten, deren Denkweisen uns sehr interessieren und deren Leistungen und Lebenseinstellungen uns unglaublich faszinieren. Oft ist es aber auch umgekehrt, da lernt man sich im echten Läuferleben bei irgend einem Event kennen und hält über das Medium Internet weiterhin den Kontakt aufrecht. Insofern ist uns beides sehr wichtig. Die Website gibt aber auch die Möglichkeit Wissen und Erfahrungen weiter zu geben, umgekehrt sich aber auch viele nützliche Tipps dort, beispielsweise als Kommentar im Blog, geben zu lassen. Oft tut es aber auch einfach mal gut über diesen Weg getröstet zu werden, auch einmal Mut zugesprochen zu bekommen oder für eine erbrachte Leistung gelobt zu werden.

Immer für einen Spaß zu haben
7. Ihr seid ein Läuferpaar: Ist da manchmal eine gewisser Konkurrenzkampf vorhanden, z.B. ich will mehr Kilometer machen als mein Partner? Ist Euch das gemeinsame Laufen wichtig oder sollte auch jeder mal seine eigenen läuferischen Wege gehen?
Konkurrenzkampf gibt es bei uns nicht, aus dem ganz einfachen Grund, da ich um einiges schneller bin als mein Schatz.Das hängt mit unserer Jugend zusammen, während Melanie früher noch nie Sport getrieben hat, war ich in meiner Jugend sportlich ganz gut unterwegs. Erst Fußball, später Mehrkampf in der Leichtathletik im Leistungskader des USC-Mainz inklusive der Teilnahme an den Landesjugendmeisterschaften. Doch damit war dann aufgrund einer Verletzung von meinem 16. bis zu meinem 31. Lebensjahr Schluss. Doch die “Vorbelastung” macht sich heute doch deutlich bemerkbar.
Das ist aber auch völlig egal, klar, manchmal ist sie schon etwas neidisch auf mein Tempo, doch ich bin ja auch neidisch auf andere Läufer, wo ist da jetzt der Unterschied? Außerdem ist das doch auch ganz egal, jeder läuft sein Tempo und laufen wir gemeinsam passe ich mein Tempo an das Ihrige an, so einfach ist das.
Nein, wir sehen es als riesigen Vorteil an etwa 80 % aller Läufe gemeinsam absolvieren zu können, ab und an aber auch einmal einen Lauf alleine machen zu können. Gleiches gilt bei Wettkämpfen, etwa die Hälfte bestreiten wir zusammen, mein Schatz versucht ihr jeweiliges Ziel zu erreichen, während das für mich dann eher ein prima Trainingslauf ist, den ich unter anderem zum Bildermachen und Filmen nutze. Dann gibt es wieder Rennen, die wir getrennt bestreiten, da jeder eben sein eigens Ziel verfolgt und somit sein eigenes Tempo läuft. Beides hat eben auf seine Weise seinen Reiz.
Die gemeinsamen Trainingsläufe aber genießen wir besonders und es kommt nicht selten vor, dass wir im absoluten Gleichschritt daher laufen. Nicht, dass wir es bewusst so wollten, es passiert einfach und gibt uns immer wieder ein tolles Gefühl der Einheit und Gemeinsamkeit, einfach unbeschreiblich und das wollten wir auch nicht mehr missen.
Ja, uns ist das gemeinsame Laufen sehr wichtig, sowohl im Training als auch im Wettkampf.
8. Die Motivation spielt im Sport immer wieder eine große Rolle. Wie motiviert Ihr Euch zu immer neuen Taten im Training und Wettkampf?
Oh je, da gibt es so unendlich viele Gründe, wo soll man da nur anfangen? Mit den Antworten zu den Fragen 2 und 3 haben wir ja schon einiges genannt. Die Motivation beim Training kommt aber auch aus ganz einfachen Situationen heraus, man erfreut sich an dem Sonnenschein, der Natur, der Laufstrecke, an der Bewegung, an dem wunderen Gefühl während und nach dem Laufen. Oftmals freut man sich auch auf eine Strecke die man noch nicht kennt, an neuen Schuhen, die man einlaufen darf, an einem neuen Shirt, einer Hose, auf eine bestimmte Musik, gibt es eigentlich etwas, was nicht motivierend wirken kann?
Beim Wettkampf verhält sich das ähnlich, mal ist es der Ehrgeiz eine neue Bestzeit zu erreichen, dann aber auch einfach die Tatsache, eine neue Herausforderung zu bestehen, oder die Freude auf einen wunderschönen Landschaftslauf, auf die Natur, die vielen netten Läufer die man dort trifft, die Atmosphäre des jeweiligen Events, die vielen Zuschauer, die einen anfeuern, oft aber auch einfach das Drumherum, oder alles zusammen? Auch hier gibt es kaum etwas, was nicht motivierend wirken kann.
Die Hauptmotivation ist sowieso das Laufen selbst.

Leipzig 2009 - Steffen 48 Km-Melanie 41 Km
9. Was würdet Ihr Einsteigern auf dem Weg zur einer “Laufkarriere” mitgeben? Gibt es da Tipps oder Erfahrungen, die Ihr teilen könnt?
Wir sind keine allwissenden Laufpäpste, wirklich nicht. Da gibt es jede Menge Läufer, die über weitaus mehr Erfahrung verfügen wie wir. Aber wir denken es gibt ein paar Grundsätze die man beachten sollte. Langsam aber konstant mit dem Laufen beginnen, nur ganz allmählich steigern, sowohl Intensität als auch Umfang und niemals beides zusammen, Ruhephasen einlegen, auf seinen Körper hören, auch mal kürzer treten wenn es sein muss, sich zu Beginn kleine, aber erreichbare Ziele stecken, diese dann bei einsetzendem Erfolg ebenfalls langsam steigern, Gymnastik und Krafttraining nicht vergessen und vor allem immer den Spaß beim Laufen behalten. Laufen darf niemals zum Zwang oder zum Muss werden.
10. Schon lange ist Marathon und Ultralauf nicht nur was für Verrückte. Woher kommt Eurer Meinung nach der Drang von Menschen, nach immer größeren Herausforderungen zu streben?
Die Frage ist für uns erst einmal „Was ist eine größere Herausforderung?“, ich meine, wer definiert das? Wenn ein Marathon nicht 42,195 Km wäre, sondern 50 Km, wäre dann ein 100 Kilometerlauf eine größere Herausforderung? Ich weiß es nicht, dies sei nur mal so am Rande bemerkt.
Bei uns ist es so, dass wir uns nach unserem ersten gefinishten Marathon gefragt haben: „War es das jetzt, ist das wirklich schon alles, keine Schmerzen, nur ein wenig Muskelkater, sonst nichts“? Dann lasen wir, dass es auch 50 Km-Läufe gibt, prompt haben wir uns zu einem angemeldet. Resultat genau wie nach dem ersten Marathon. Also ging es weiter, sodass sogar die 100 Km erfolgreich und ohne Probleme gefinisht wurden. Und was kommt jetzt? Keine Ahnung. Wir denken jeder möchte für sich seine Grenzerfahrungen machen, seinen Körper mal so richtig kennenlernen, einfach mehr über sich erfahren, Grenzen überschreiten und entdecken, zu was er alles in der Lage ist. Außerdem wird man mit der Zeit auch mental unglaublich stark, man weiß zu was man in der Lage ist, welche Ausdauer man hat und davon profitiert man auch sehr in seinem normalen Leben, egal ob beruflich oder privat. Also wir haben unsere Grenzen auf jeden Fall bis heute noch nicht herausgefunden.
11. Wie steht Ihr zu Trainingsplänen und zur neuesten Technik wie Garmin Forerunner?
Auch wir bedienen uns zur Trainingskontrolle und auch zur Steuerung der modernen Technik, allerdings gehören wir zur Fraktion der Polarnutzer. Da dann allerdings das Topmodell. Sagen wir es mal ganz ehrlich so, brauchen würden wir diese Technik wahrscheinlich nicht unbedingt, es ist aber ohne Zweifel ein schönes Spielzeug. Mit der Zeit hat man als Läufer gelernt anhand des gefühlten Pulses und der Atmung sein Tempo richtig einzuschätzen und wäre auch ohne Laufcomputer in der Lage, sein Training korrekt durchzuführen. Für Anfänger ist es allerdings fast unverzichtbar.
Was Trainingspläne angeht kommen wir mehr und mehr davon ab. Na ja, nicht ganz, wir haben wohl einen, passen diesen aber täglich an unsere momentane Verfassung und an den Tagesablauf an. Er dient uns so zu sagen lediglich als grober Anhaltspunkt und Richtschnur.
12. Sind intensive Planung und beste Technik wirklich für Läufer immer hilfreich oder können sie auch ein Hemmschuh sein?
Also ich gehöre zu den Läufern, für die eine akribische Vorbereitung und Planung ein absolutes Muss ist. Es ist doch wie in der Schule, oder? Je besser man für eine Arbeit oder Klausur vorbereitet ist, umso entspannter und gelassener ist man dann auch und das zahlt sich schließlich auch in guten Noten aus. Ich denke beim Laufen ist es ganz ähnlich. Und unter einer guten Vorbereitung verstehe ich auch eine mentale Vorbereitung auf das, was da kommt. Ich persönlich denke mir so ziemlich alles aus, was während eines Wettkampfes z.B. so alles passieren könnte. Trifft es dann ein bleibe ich ganz entspannt, habe ich doch schon mindestens eine Lösung parat. Ich denke das ist ganz wichtig und viele unterschätzen diese Art des Trainings oder dieser Vorbereitung. Was soll mich denn bitte schön noch aufhalten, wenn ich im Kopf stark bin? Beste Technik würde mir da nicht weiter helfen, dem entsprechend messe ich ihr eine viel niedrigere Bedeutung zu. Es ist wie beim Training, eine schöne Kontrolle, ein schönes Spielzeug, aber brauchen tue ich es eigentlich nicht.

Zieleinlauf Berlin 2009
13. Ihr lauft mit offenen Augen durch die Welt und habt dadurch das Projekt: “Laufend etwas bewegen.” ins Leben gerufen. Was ist das Ziel dieses Projektes und was macht es aus?
Ziel dieses Projektes ist es ganz gezielt bedürftigen direkt bei uns vor Ort ganz unbürokratisch zu helfen. Es gibt so viele Hilfsaktionen für das Ausland, auch wir unterstützen ja ein Patenkind, das auf den Philippinen lebt, aber wir haben es selbst mehrfach gesehen, Armut gibt es auch bei uns, direkt vor der Haustüre. Warum engagiert sich niemand für diese Menschen? Und genau das haben wir uns auch gefragt. Das Besondere an diesem Projekt ist die Tatsache, dass sich sowohl Läufer als auch Nichtläufer daran beteiligen können. Läufer sogar nicht nur mit Geld, sondern auch mit ihrer eigenen läuferischen Leistung. Wir denken das motiviert zusätzlich und sorgt außerdem dafür, dass man sich noch mehr mit diesem Projekt verbunden fühlt. Außerdem ist dies eine sehr dynamische Aktion die sich erst mit der Zeit entwickelt und das macht sie auch so spannend. Es gibt eine eigene Homepage, die stets aktuell gehalten wird und auf der jeder nachschauen kann, wie viele Spender es mittlerweile gibt und wie hoch der bereits erlaufene Spendenbetrag ist.
Ein weiterer Punkt ist der, dass ganz zum Schluss jeder Spender durch eine Abstimmung mit entscheiden kann, für was genau das Geld eingesetzt wird. Des weiteren gibt es eine offizielle Spendenübergabe bei der jeder Spender Teilnehmen kann und so die Möglichkeit haben wird, die Menschen, für die er gespendet hat, selbst kennen zu lernen und deren Herzlichkeit und Dankbarkeit zu erleben. Auch das motiviert und schafft vor allem auch für Vertrauen und Transparenz, weiß man doch zu 100 % wohin das Geld geht, und zwar jeder einzelne Cent!
14. Was hat Euch dazu bewogen, dieses Projekt ins Leben zu rufen?
Zum einen ist es die Tatsache, dass wir wahnsinnig viele Obdachlose während unserer Trainingsläufe unter Brücken, Unterführungen, Durchgängen usw. haben schlafen sehen – im tiefsten Winter. Und das nicht erst in diesem Jahr, sondern schon die letzten beiden Jahre. Auch an der Tafel, also der Essens- und Lebensmittelausgabe sind wir sehr oft vorbei gelaufen. Das alles hat uns sehr nachdenklich gemacht und so haben wir dann begonnen, uns intensiver damit zu beschäftigen. Die Idee etwas zu tun hatten wir schon länger, alleine die Art und Weise mit der wir etwas tun könnten war uns noch unklar. Ein weiterer Punkt ist der, dass wir, seitdem wir uns damit beschäftigen festgestellt haben, dass es ja wirklich massig Spendenaktionen gibt, aber wirklich keine einzige für diese Bevölkerungsgruppe.
So gibt es jede Menge Aktionen, vor allem der Medien, auch für deutsche Projekte, aber, und das soll jetzt nicht abwertend sein, immer nur für die selben Institutionen wie Behindertenheime, Ein Herz für Kinder, Tierheime, Suchtzentren usw., eben alles Aktionen, die man Medienwirksam an die Öffentlichkeit bringen kann. Ein krankes, trauriges Kind wirkt eben mehr als ein Obdachloser, der bei Eiseskälte unter einer Brücke schläft oder ein Bedürftiger, der bei der Tafel um etwas zum Essen bittet. Außerdem gibt es da eine regelrechte Lobby, man soll es nicht glauben, besonders Projekte der kirchlichen Träger erhalten auffallend oft Unterstützung durch die Medien, wie bereits gesagt, es lässt sich eben medienwirksamer verkaufen und irgendwie erinnert das schon sehr stark an Politik, die im Übrigen ebenfalls ordentlich mitmischt. Wir haben das ja selbst schon festgestellt, weder Radio, noch TV oder die Tageszeitung zeigten Interesse an unserer Aktion, einzig das wöchentlich erscheinende Wochenblatt war begeistert davon. Übrigens läuft deren Redakteurin mittlerweile ebenfalls für unsere Aktion. Schlage selbst einmal die Zeitung auf oder achte im Fernsehen darauf und Du wirst feststellen, dass es so ist wie wir es beschreiben. Obdachlose haben keine Lobby, sie sind eine Randgruppe die niemand in seiner Nähe haben will, überall werden sie aus den Städten verbannt, niemand beachtet sie, traurig.
15. Spendenaktionen in der Laufszene scheinen zur Zeit hoch im Kurs zu stehen, siehe auch Run4Haiti. Was kann wirklich durch diese Spendenaktionen bewegt werden?
Wir, und damit spreche ich nur für unsere Aktion, wollen erreichen, dass es ein nachhaltiges Bewusstsein für bedürftige Menschen in Deutschland, besonders in unserer Stadt gibt. Wir wollen erreichen, dass man diese Menschen nicht vergisst und sie ignoriert, es kann jeden von uns treffen und zwar schneller, als uns leib sein kann. Job weg, kein Geld mehr, Wohnungsverlust, ohne Wohnung keine Arbeit, glaube mir, es kann wirklich sehr schnell gehen. Durch die Spendenübergabe sollen auch Berührungsängste abgebaut werden und die Spenderdazu bewegt werden, sich weiterhin gemeinsam mit uns für diese Menschen einzusetzen. Nachhaltigkeit, das ist das Ziel. Ich halte nichts davon einfach einen Betrag X irgendwohin zu überweisen und fertig. Mit unserer Art der Spende gibt es viel mehr Möglichkeiten sich aktiv daran zu beteiligen und auch gedanklich damit auseinanderzusetzen.
16. Besteht möglicherweise die Gefahr, dass sich einzelne Initiatoren solcher Aktionen profilieren wollen und die Aktion nur Mittel zum Zweck für das eigene Ego und Presseaufmerksamkeit ist?
Ausschließen kann man das natürlich niemals, das ist klar. Fakt ist aber das man ohne die Presse kaum eine Chance hat etwas vernünftiges auf die Beine zu stellen. Und wenn es doch diese Medien gibt, warum sollte ich sie dann für den guten Zweck nicht nutzen? Nein, Aufmerksamkeit brauchen wir nicht, nicht für uns, aber wohl für unsere Aktion. Es ist ja auch so, das man ja auch unheimlich viel Zeit in eine solche Sache steckt, teilweise sogar viel Geld. Ich wollte nicht wissen, wie viele Arbeitsstunden in die Aktion „Run4Haiti“ geflossen sind, wie viele schlaflose Nächte das gekostet hat, da wurde sehr viel Herzblut investiert und ich kann mir nicht vorstellen, dass man so etwas nur macht um sich zu profilieren. Auch wir haben sehr viel Zeit in unsere Aktion gesteckt, inklusive eigener Homepage usw., nein, das macht niemand um Aufmerksamkeit in der Presse zu bekommen. Wir auf alle Fälle nicht. Wir machen das, weil wir es aus tiefstem Herzen machen wollen und es uns wichtig ist, für diese Menschen etwas zu tun.
17. Was war für Euch bisher das schönste Lauferlebnis, das Ihr erlebt habt?
Grundsätzlich ist jeder lauf ein besonderes Lauferlebnis, weil jeder auf seine Art einzigartig ist. Was die Wettkämpfe angeht waren es folgende:
Für Melanie war der schönste Lauf mit Abstand der 50iger in Leipzig im August 2009, da hat einfach alles gepasst. Tolles Wetter, wunderbare Strecke, wahnsinnig nette Leute und eine einzigartige Atmosphäre haben dort für ein ganz entspanntes und unvergessliches Lauferlebnis gesorgt. Es war alles so richtig familiär, auch und besonders vor und nach dem Lauf selbst.
Bei mir ist es schwer zu sagen, eigentlich hat jeder Wettkampf etwas besonderes. Gut, der erste gefinishte Marathon 2008 ist wohl genauso unvergesslich wie der erste absolvierte 100er, der übrigens auch in Leipzig 2009 stattfand. Aber auch der 6-Stundnlauf in Troisdorf November 2009 hat etwas besonderes. Warum? Ich möchte es so beschreiben, es lief dort eigentlich überhaupt nichts rund, ich war saft- und kraftlos, fast der gesamte Lauf wurde nur aus dem Kopf gelaufen und trotzdem sind 69,150 Km dabei herausgekommen. Eine Leistung, von der der ich vorher noch nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Auch ein solcher, sagen wir mal Kampflauf, ist doch auch ein schönes Erlebnis, oder?
Aber nochmal, wäre nicht jeder Lauf etwas besonderes, würden wir dann überhaupt noch laufen?

Siebengebirgsmarathon 2009
18. Jeder Läufer kennt kleine oder größere Krisen im Wettkampf. Gab es Erfahrungen, die Ihr schon machen musstet und welche blieben Euch da besonders in Erinnerung?
Bei Melanie war es ohne Zweifel der Berlinmarathon 2009. Nach dem Tod ihres Vaters im Sommer des gleichen Jahres, den wochenlangen Querelen auf ihrer Arbeitsstelle mit tagelanger Schlaflosigkeit und dementsprechend schlechter Vorbereitung wollte sie ihn völlig entkräftet trotzdem unbedingt laufen. Die ersten 20 Km gingen ja noch, doch dann war jeder Schritt eine einzige Qual, der Puls war viel zu hoch und sie hatte überhaupt keine Kraft mehr. Doch aufgeben wollte sie nicht, sie wollte unbedingt durch das Brandenburger Tor laufen, für ihren Vater, für sich selbst und hat das dann auch mit unbändiger Willenskraft tatsächlich geschafft. Als sie nach 4:28 Stunden dort durch das Ziel lief stand ein Schotte mit seinem Dudelsack auf der Zielgeraden und spielte dort ganz alleine Amazing Grace. Es war eine einzigartige Atmosphäre, ein unbeschreibliches Gänsehautgefühl, diese Melodie und die applaudierenden Zuschauer und so war es auch nicht verwunderlich, dass sie unter Tränen durch das Ziel lief, völlig fertig aber überglücklich. Diesen Lauf mit 22 Km Kampf um jeden Meter, vor allem aber der Zieleinlauf, wird sie niemals vergessen.
Was mich angeht ist es nur der 6-Stundenlauf in Troisdorf gewesen, bei dem ich wirklich sehr kämpfen musste. Obwohl, wenn ich an den 50iger in Rodgau bei tiefem Schnee und Eis 2010 denke, das war auch ein unglaublich harter Lauf und hatte auf den letzten 15 Km wirklich nichts mehr mit Vergnügen zu tun gehabt. Aber auch solche Läufe muss es geben, denn erst so weiß man andere entsprechend zu schätzen, oder?
19. Vielen Dank für das Interview. Auf was von den runningfreaks dürfen wir uns in nächster Zeit freuen?
Sagen wir es doch einmal so, wenn uns vor vier Jahren jemand erzählt hätte, dass wir jemals einen Marathon oder gar 50 oder 100 Km laufen würden, den hätten wir ihn für total verrückt erklärt. Das Jahr 2010 ist voll mit neuen Herausforderungen, wir sind selbst gespannt ob wir in der Lage sind, diese alle zu schaffen. Niemand weiß was die Zukunft bringt und genau das macht sie ja so spannend, oder?
Auch von uns ein ganz herzlichen Dank an Dich für die tollen, anspruchs- und niveauvollen Fragen, hat wirklich sehr viel Spaß gemacht sie zu beantworten. Und glaube mir, zu so Manchem könnte man noch so einiges schreiben
!

Auch auf diesem Wege nochmals herzlichen Dank für dieses tolle Interview, hat wirklich sehr viel Spaß gemacht.
Läuferische Grüße,
Steffen
Hach, ganz klasse! Am schönsten finde ich persönlich, daß ich die meisten Inhalte schon kenne, weil selbst erlesen, mitbekommen, wie auch immer.
Und ich bin manchmal auf Melanies Zeiten neidisch… Also, jeder hat seinen Aufgucker.
Heiko, wieder einmal wundervolle Fragen, die das Drumherum der Interviewten mit einbezieht.
Für mich eher auch Bekanntes, von den Beiden zu lesen.
Leider finde ich, dass das Interview zu lang ist, vielleicht könnte man es kürzer gestalten, meine Meinung, andere denken vielleicht umgekehrt.
Danke für dieses erneute Interview !
Hallo Steffen,
der Dank geht auch zurück. Ich finde Ihr seit sehr gut auf die Fragen eingegangen und es bleibt auch noch viel Spielraum für weitere Diskussionen.
Hallo Evchen,
unter einigen Bloggern sind die Runningfreaks nicht mehr unbekannt, aber es gibt auch noch eine ganze Menge anderer Menschen. Ich hoffe du konntest dennoch das eine oder andere für Dich entdecken. Ansonsten stehen auch schon die nächsten Interviewpartner bereit, lasst Euch überraschen. Zur Zeit steht Dein Interview laut meiner Satistik auch wieder gut im Kurs bei den Lesern.
Hallo Margitta,
stimmt – etwas lang geworden, aber es gab auch eine Menge zu erzählen und es hätte locker auch noch mehr sein können. Vielen Dank für die kritische Anmerkung und mal schauen wie es andere Leser empfinden. Ich finde es aber sehr schön das diese Lauf-Interview-Sache bei Euch so positiv ankommt.
Nett, wenn man mal so als Paar laufen kann. Ich werde immer nur irgendwo ausgesetzt (z.B. am Grand Canyon) und muss mich dann alleine durchschlagen.
Für dieses Interview hast du dich sehr bemüht und einiges an Zeit investiert. Danke dir dafür.
Lg
RunningWilli