Der 25. Harzgebirgslauf

Geschrieben am Mittwoch, 23. Dezember 2009 von Heiko

Vor einigen Wochen berichtete ich über einen Marathon, der für mich die Hölle im Jahre 2002 war – Halle – Leipzig. Aber das Jahr 2002 hatte nicht nur dieses “negative” Erlebnis zu bieten. Schon knapp einen Monat später stand der 25. Harzgebirgslauf im Oktober in Sachsen-Anhalt auf dem Laufplan. Mehrere Strecken wurden angeboten, aber am interessantesten war natürlich der Brocken-Marathon. Wie der Name schon sagt, führte die Strecke über den 1142 Meter hohen Brocken.

Die Vorbereitung zum Marathon

Der Marathon von Halle nach Leipzig war ein totaler Reinfall und die Vorbereitung bis dahin war nicht wirklich gut, also wurden danach einige Kilometer mehr gemacht und das Training für den Harzgebirgslauf intensiviert. Erstaunlicherweise war der September dann auch sehr erfolgreich und gut für mich als Läufer. Schon eine Woche nach Leipzig bestritt ich wieder einen Volkslauf und dies zog sich dann über jedes Wochenende bis zum Brocken-Marathon. Es war bestimmt nicht immer schlau, was da von mir trainingstechnisch so veranstaltet wurde, aber es machte Spaß und die Vorfreude auf den Marathon im Oktober stieg.

Zwei Wettkämpfe an einem Tag

Ende September/Anfang Oktober wollte ich es dann auch ganz genau wissen und setzte mir in den Kopf, zwei Wettkämpfe an einem Tag zu laufen. Einen 20 Kilometer Lauf am Vormittag in Großenhain und danach noch einen 11 Kilometer Lauf im bergigen Gelände in Elstra. Beide Orte liegen ca. 40 Kilometer auseinander. Der Lauf in Großenhain blieb in Erinnerung, weil es so richtig gut lief und eine Zeit um die 1:22 h zum Schluss auf der Urkunde stand. Nach etwas mehr als zwei Stunden fiel dann auch schon in Elstra der Startschuss und auch dort lief es fantastisch. Den 20 Kilometer Lauf spürte ich nicht und es lief wie von alleine – damals gab es noch wertvolle Punkte für die Lausitz- Laufserie.
Ich muss gestehen, ist schon ein wenig wahnsinnig, aber diese Vorbereitung schien genau die richtige für den Brocken gewesen zu sein.

Der Marathon-Tag

Frühmorgens um drei Uhr ging es mit dem Auto von Senftenberg in den Harz. Schon hier in der Lausitz zeichnete sich ein sehr kalter Oktobertag ab und spätestens als wir den Harz erreichten, war uns klar, dass es tatsächlich ein kalter Tag war. Die Autos waren gefroren, die Straßen teilweise sehr glatt und das Anfang Oktober. Startort war Wernigerode und das Umziehen fand vor dem Auto bei einigen Minusgraden statt. War schon ein lustiges Bild, Läufer mit freien Oberkörpern, die sich umzogen und daneben “normale” Passanten und Zuschauer dick eingemummelt in Winterklamotten.
Als schwierig empfand ich die Auswahl meiner Laufbekleidung. Der Veranstalter wies darauf hin, dass wohl über Nacht -10 Grad auf dem Brocken herrschten und es auch am Tage nicht sehr viel wärmer werden sollte. Also entschied ich mich für eine dicke Laufhose, Mütze, Handschuhe und zwei Laufshirts (langärmlig) plus Zeitung darunter und zum Schluss noch ein Radtrikot mit Taschen, in denen ich noch Kleinigkeiten deponieren konnte. Aber über die Jahre habe ich gelernt, mich richtig zu kleiden und dabei ist nicht das Aussehen wichtig, sondern die Funktion. Und vorweggenommen: Meine Kleidungsstrategie hatte wieder perfekt funktioniert.

Der Marathon über den Brocken

Das Startgelände war einfach gehalten, mit kleineren Zelten zum Umziehen und einigen Imbissbuden und Bierbude, das war es auch schon. Die Anzahl der Läufer war übersichtlich und mir ist heut nicht mehr bekannt, wie viele Läufer es tatsächlich waren, vor allem für den Marathon.
Beim Start ordnete ich mich ganz hinten ein und ließ es richtig, richtig langsam angehen – Ziel war es, bis Kilometer 20  ganz langsam zu laufen und dann zu schauen, was noch geht. Die ersten Kilometer waren leicht kuppiert, aber nicht wirklich mit großen Steigungen gespickt. Es war wundervoll, die Natur im Harz zu beobachten und das eine oder andere Gespräch während des Laufs mit Mitstreitern zu führen. Wobei ich mich mit einem  Läufer aus Berlin komplett verquatschte und dieser mir erzählte,  wie schön er den Harz finde und dass er sich nicht vorstellen könnte, je den Berliner Marathon zu laufen.

Auch das Beobachten anderer Läufer machte Spaß – seltsame, bunte, erfrischende “Vögel” gab es im Lauffeld zu bestaunen. Über einen Mann musste ich besonders schmunzeln. Sein Laufshirt bestand durch und durch aus Startnummern von verschiedenen Läufen, die er bestritten hatte. Auch sonst schien er kleidungstechnisch in der Laufzeit der DDR stecken geblieben zu sein. Aber der Mann brachte Lebensfreude und Lauflust rüber. Kurz bevor es auf den Brocken hoch ging, holte er zwei kleine Schnäpse (Flachmänner) aus einer Tasche und sagte, dass er die immer trink, wenn er oben angekommen sei. Na, dann Prost. Mittlerweile durfte ich feststellen, dass ich vom Schluss des Feldes nicht mehr sehr weit entfernt war, aber das störte nicht. Es war ein riesiges Erlebnis, die verschiedenen Läufertypen und die Natur zu erleben.

Nach knapp 15 Kilometern wurde es dann auch ernst und es ging auf den berühmt berüchtigten Kolonenweg auf dem ehemaligen Grenzstreifen entlang. Für mich als ehemaligen DDR Bürger war das wieder ein bewegener und mit sehr vielen Emotionen verbundener Augenblick. Ab jetzt ging es auf einer knapp 20 %-igen Steigung nur noch bergauf bis der Brocken erreicht wurde. Das waren bestimmt drei bis vier Kilometer. Ab hier zeigte sich auch das meine Rennstrategie genau richtig war, es wurden ab jetzt viele Läufer überholt. Dabei ließ ich es mir aber auch nicht nehmen, immer wieder zurück zu schauen, um die Umgebung zu beobachten. Unvergesslich ist dabei der wundervolle Blick auf den Eckerstausee. Auffällig war aber auch die sehr große Anzahl derer, die nur noch wanderten und den Anstieg nicht mehr im Laufschritt bestreiten konnten. Kurz vor dem Gipfel klopfte ich mir symbolisch auf die Schulter und sagte: Genau die richtige Laufbekleidung angezogen. Es war zu beobachten, wie Läufer mit der Temperatur zu kämpfen hatten und ganz “Irre” liefen sogar kurz, was echt nicht passte. Und typisch für den Brocken blies der Wind natürlich auch ordentlich ins Gesicht.

So lange es auch gedauert hat, den Brocken Gipfel zu erreichen, so schnell war dieser Ort auch wieder hinter dem Läuferfeld, welches sich mittlerweile über viele, viele Kilometer zog. Nach einem kurzen Blick auf die dampfende Brockenbahn ging es bergab zum Kilometerpunkt 21 und somit der Hälfte des Marathons. Der restliche Weg ging nur noch bergab oder war flach. Getragen von dem Erlebten und mit einer Menge Glückshormone ausgestattet, zog ich Kilometer um Kilometer das Tempo enorm an. Ich konnte mich nicht erinnern, noch einmal von einem Läufer überholt worden zu sein. Dafür fühlte ich mich aber selber wieder auf der Überholspur und es wurden Läufer über Läufer eingesammelt. Irgendwann war einfach das Ziel da und ich noch lange nicht ausgepowert. Glücklich ging es gleich zur nächsten Bierbude, zum Umkleiden und ins Auto —- ein herrlicher Lauf, den ich leider bis zum heutigen Tag nicht mehr besucht habe und dies muss sich schnell wieder ändern.

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