Ultratriathlet Marcel Heinig
Kurz bevor es für den Extremsportler Marcel Heinig nach Mexiko zum Weltrekordversuch im Ultra-Triathlon geht – 50 Olympische Distanzen in 10 Tagen – ,stand er noch zu einem sehr interessanten Interview bereit. Täglich wird Marcel Heinig aus Cottbus 7,5 km Schwimmen, 200 km Radfahren und 50 km Laufen, das wäre Weltrekord. Unglaublich diese Leistung. Genauso unglaublich wie viele andere sportliche Leistungen, die Marcel Heinig bisher erreicht hat. Der Weg bis dahin war aber sehr steinig – “Vom Loser zum Weltmeister”.
1.Erzähle mal kurz, was über Deine sportlichen Erfolge. Was ist für Dich bisher der wichtigste Titel oder Erfolg?
Der schönste Erfolg war mein erster Marathon in Burg im Frühjahr 2003. Die 100 Marathons waren der bedeutendste Erfolg und der Gewinn der Weltmeisterschaft im längsten Triathlon der Welt war der unglaublichste Erfolg. Im Grunde genommen war alles schön. Man kann es schwer vergleichen, aber gerade die drei Wettkämpfe haben mich stark geprägt und waren für mich ein absoluter Meilenstein.
2. In verschiedenen Interviews und Presseberichten konnte man bisher so einiges über Deine Motivation zum Ausdauersport erfahren. Könntest Du davon auch ein wenig den Lesern vom Laufe Marathon-Blog berichten? Denn selber schreibst Du in Deiner Broschüre: Vom Loser zum Weltmeister. Sahst Du Dich früher tatsächlich als Loser?
Ja, ich war einer, durch und durch. Große Fresse und nix dahinter. Beim Sportunterricht war ich nicht nur der letzte, der immer gewählt wurde. Nein, die Mannschaftskapitäne stritten noch, wer mich nicht haben wollte. Lieber einen Feldspieler weniger, als einen mehr und den Heinig dabei. Ausdrücke, wie fettes Schwein, waren dagegen noch harmlos. Diese Situationen hatte ich während meiner Jugend ständig. Solche Erfahrungen brennen sich enorm in die Persönlichkeit ein. Früher war es nicht witzig – heute kann ich davon zehren, wenn es darum geht, noch mal alles zu geben.
3. Wenn man Deinen Lebensweg so verfolgt, dann kommt schnell der Gedanke: Er könnte für viele, die den Kopf im Sand gesteckt haben, ein Vorbild sein. Siehst Du Dich als Vorbild und glaubst Du, dass jeder Mensch schaffen kann, was Du erreicht hast?
Ich hoffe, dass meine Geschichte dazu beiträgt, Leute zu motivieren und ihnen einen Impuls zu geben. Dabei muss keiner einen Marathon laufen oder einen Ironman absolvieren. Jeder muss seinen eigenen Weg finden. Meine Geschichte und mein Leben zeigen im Kern, dass man mehr kann und dass Begrenzungen meist nur im eigenen Kopf existieren – nothing is impossible! Erst als ich nicht mehr dachte, dass ich sportuntauglich bin, konnte ich mich mit Sport identifizieren und Freude daran finden.
So wie der amerikanische Traum vom Tellerwäscher zum Millionär. Wenn man es schafft, einmal mehr aufzustehen als man hinfällt, dann erreicht jeder sein Ziel und wird sein eigener Champion.
4. Sport treiben ist das eine. Dennoch ist es nicht üblich, dass jemand vom Nichtsportler zum Ultra-Athleten wird. Welche Kraft und welcher Wille waren dafür verantwortlich, Dich zu diesem Weg zu führen?
Es sind schon viel Kraft und ein enormer Wille da. Aber gerade die am härtesten erarbeiteten Erfolge sind die schönsten. Und das treibt wieder für neue Ziele an.
5. Aus vielen Berichten konnte man entnehmen, dass Du nicht gerade viele Freunde durch Dein Übergewicht hattest und ein Außenseiter warst. Hat sich die Rolle seit Deinem sportlichen Erfolg gewandelt und ab wann hast Du dies gespürt? Wie nehmen Dich die Menschen heute wahr?
Es hat sich stark gewandelt. Ich finde das tendenziell natürlich gut. Andererseits bin ich der gleiche Mensch wie früher. Habe die gleiche Persönlichkeit. Also stellt sich doch die Frage, warum ich jetzt der Gute bin und früher der Böse war? Ich kann nur an alle appellieren, nicht zu oberflächlich zu Mitmenschen zu sein und sie nicht nur anhand ihres Äußeren oder ihrer sozialen oder kulturellen Herkunft zu beurteilen. Jeder hat es verdient, mit Respekt behandelt zu werden – auch wenn er mit seinem äußeren gegen die Norm „verstößt“.
6. Warum war es für Dich so wichtig, dem “100 Marathon Club” anzugehören?
Für mich ist das was total Elitäres! Bitte nicht falsch verstehen. Wir haben viele Leute im Verein, die es sich wesentlich härter erarbeitet haben als ich. Und mehr als die meisten da draußen, die sich ein solches Ziel setzen würden. Sie haben aber immer an sich und ihren großen Traum geglaubt. Das Tolle daran ist jetzt, keiner der Mitglieder hat auch nur einen Zentimeter geschenkt bekommen. Jeder musste sich seinen Traum selber erarbeiten und die Leistung persönlich erbringen. Beim Porsche Club dagegen wirst du Mitglied, wenn du einen Porsche hast. Denn muss man sich zwangsläufig aber nicht selbst erarbeiten, da das Geld auch von einer Erbschaft oder einem Gewinn kommen kann.
7. Du hast in Deiner relativ kurzen sportlichen Laufbahn eine Menge erreicht. Hast Du da nicht auch manchmal Angst davor, was kommt danach — oder möchtest Du die Grenzen Deiner körperlichen Leistungskraft und -willen immer weiter austesten?
Irgendwann kommt sicher ein Schnitt. Zurzeit kommt halt alles zusammen. Alter, Erfahrung und ein irrer Wille. Ich möchte das noch gern ausnutzen. Wenn ich langfristig meine Berufung zum Beruf machen will, muss ich sportlich eh kürzer treten und versuchen, den Menschen noch einen größeren Mehrwert zu geben. Das größte überhaupt ist wohl, etwas zu tun und dabei Menschen für ihren eigenen Lebensweg zu inspirieren und ihnen Hoffnung zu geben. Das langfristig zu erreichen wäre phantastisch. Dann sind die sportlichen Erfolge und Herausforderungen auch eher zweitrangig.
8. Hast Du schon einmal einen Wettbewerb aufgegeben und käme das für Dich überhaupt in Frage?
Ja, auch mich hat es schon erwischt. Z.B. damals beim Team-Marathon 2007 in Berlin. Ich hatte irre Zahnschmerzen und Fieber. Nach 30 Kilometern war es einfach aus medizinischen Gründen das vernünftigste. Auch das gehört dazu, rechtzeitig zu erkennen, was langfristig das Beste ist.
9. Leider werden in der heutigen Zeit sportliche Höchstleistungen oft auch von Außen argwöhnisch betrachtet. Der Leistungssport zeigt uns, dass der Argwohn leider zu oft berechtigt ist. Wie kannst Du Kritikern Deine Leistungen erklären?
Es gibt nicht viele Leute, die mich kritisieren. Ich habe Kontakt zu einigen Ex-Profis, wie Stephan Freigang oder Mark Warnecke. Die haben überhaupt keine Probleme, die Leistung zu respektieren. Es gibt aber natürlich auch einige Ehrgeizlinge. Für mich ist das völlig OK. Der eine sucht seine Herausforderung in der Verbesserung der Zeit und andere in einer Verbesserung der Streckenlänge. Jeder sollte die Freiheit haben, tun und lassen zu können, was er am liebsten mag. Ich finde es viel wichtiger, dass die Leute Spaß an der Bewegung haben und eher aus gesellschaftlichen Gründen am Breitensport teilnehmen als aus besessenem Ehrgeiz. Natürlich gehören zu jedem
Sporttreibenden gewisse Basics dazu, aber das gibt sich mit der Zeit aus Eigeninteresse.
10. Schließt Du im Ultrasport Doping aus? Und vor allem, wo fängt Deiner Meinung nach Doping an?
Die IUTA – International Ultratriathlon Association hält sich dabei an die Regeln vom IOC. Das macht durchaus Sinn und ist gut. Bei den Ultras gibt es kein Doping, da es kein Preisgeld gibt und die Leute eher aus Freude an der persönlichen Leistung an den Wettkämpfen dran teilnehmen, als aus Gewinnabsichten. Bei uns ist die Strecke der Gegner, nicht andere Athleten. “Legales Doping” sind meiner Meinung nach Schmerzmittel. Da trägt aber jeder die Eigenverantwortung gegenüber seinem Körper. Es hilft sicher temporär. Die Rechnung bleibt aber offen. Irgendwann muss sie bezahlt werden. Ich habe keine Lust auf diese Spätfolgen und bin einfach zu jung.
11. Dieses Jahr warst Du beim Europalauf über 4500 Kilometer dabei. Gab es da mal den Punkt, an dem Du Dir die Frage nach dem Sinn des Ganzen gestellt hast?
Nicht ein einziges Mal. Bei den Ultratriathlons auf einer zwei Kilometerradrunde passiert das schon eher. Aber das gehört dazu und muss auch wie jedes Alltagstief überwunden werden.
12. Wie ist es eigentlich bei solchen Veranstaltungen mit der Kameradschaft. Sind dort mehr die Einzelkämpfer am Werk oder sind die Sportler eher eine Familie? Wie sieht es mit Neid und Missgunst untereinander aus?
Die Sportler sind schon Individualisten. Es ist auch normal, dass man sich über den einen oder anderen mal aufregt. Aber wenn es drauf ankommt, dann ist jeder für jeden da. Das sind die Attribute, die eine gute Familie auszeichnen und daher ist es schon wie eine große Familie.
13. Du bist durch Europa gelaufen, nimmst an mehrtägigen Triathlons teil. Was passiert danach? Denn gerade beim Europa Lauf macht man fast jeden Tag das gleiche und dann auf einmal ist Schluss. Besteht da nicht auch die Gefahr, in ein tiefes Loch zu fallen? Und wie schützt Du Dich davor?
Davor schützt einen keiner. Du fällst da rein. Der eine mehr, der andere weniger. Auch das weiß man davor. Wir sind alle Kämpfer und wie wir uns durch die Kilometer kämpfen, so kämpfen wir uns auch aus diesen Motivationslöchern wieder raus. Ich sehe diese Erfahrung als Lebensprozess an und bin nachhaltig immer sehr dankbar, dass ich dran wachsen durfte.
14. Jetzt im November zieht es Dich wieder nach Mexiko zum 10 Tage-Triathlon in Monterrey. Mit welchen Ziel reist Du nach Mexiko und wie sah Deine bisherige Vorbereitung aus?
Ich möchte gern den Weltrekord in dieser Rubrik verbessern. Ich war auch 2006 bei der Premiere dabei. Damals waren wir 9 von 19 Athleten, die es geschafft haben, jeden Tag – zehn Tage lang -, einen Ironman zu absolvieren. Ich rechne auch mit einer Wahrscheinlichkeit von 50%, dass ich es schaffe. Die Aussicht sorgt für ausreichend Demut und einen schonenden Wettkampfstart. Vorbereitungstechnisch dürfte ich durch den Europalauf ein gutes Pfund in den Beinen haben. Rad und Schwimmen musste natürlich trainiert werden.
15. Hast Du nicht auch Angst, Dich irgendwann auszubrennen? Denn der Europa-Lauf hat mit Sicherheit einiges an Kraft gefordert und jetzt auch wieder 10 Tage Triathlon.
Die Frage kann ich erst danach beantworten. Für mich ist das auch ein Experiment. Ich denke aber, dass ich nie unvernünftig handle und mit meinen Ressourcen immer sehr behutsam umgehe. Anderenfalls hätte ich auch nicht den Europalauf nach dem 10fachen Ironman letztes Jahr geschafft. Dazwischen waren auch nur 4,5 Monate.
16. Vielen Dank für das Interview. Gern hätte ich noch mehr Fragen gestellt. Dann wünsche ich viel Erfolg in Mexiko und das Schlusswort gehört Dir.
Ich danke auch für die interessanten Fragen. Ich freue mich, wenn es den ein oder anderen motiviert. Immer daran denken, nicht den Kopf in den Sand stecken. Irgendwie gehst es immer weiter. Nur einmal mehr aufstehen als man hinfällt. Ich hoffe, ich kann es in Mexiko auch wieder umsetzen und wünsche euch viel
Spaß bei unserem Blog.
Die bisherigen Interviews
Laufen ist eine extrem flexible Sportart (31.08.2009)
Ultra ist gut – Interview (07.09.2009)
Sport ist nie verkehrt (12.09.2009)
Korrekt laufen – Interview (15.09.2009)
Interview mit einer Lebensläuferin (23.09.2009)
Interview mit Startblog F (20.10.2009)

Ich mag eigentlich nichts mehr dazu schreiben, weil ich mich ständig wiederhole. Also wieder einmal Danke und sehr schön!
Ein schönes, vor allem sehr interessantes Interview!
Vor dieser Leistung kann man nur den Hut ziehen!
Den Punkt über “legales Doping” finde ich interessant. “Bei Ultras gibt es kein Doping” … das würde ich mit einer kritischen Haltung nicht unbedingt unterschreiben – nur interessiert/stört es keinen und jeder ist für sich selbst verantwortlich. Schließlich geht es ihnen dabei nicht um den Sieg sondern um ihre eigene Leistung. Denn dass es passiert, das möchte ich behaupten, gibt es inzwischen als Einzelfall überall.